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Streit um Krebsmedikamente: Ein paar Monate länger leben – wieviel darf das kosten?

in Info + Tipps rund um die Gesundheit. 20.12.2017 08:44
von Boardbote | 3.074 Beiträge

Streit um Krebsmedikamente: Ein paar Monate länger leben – wieviel darf das kosten?

Angesichts immer höherer Kosten sollen Krebsmedikamente nach dem Willen des führenden Gremiums im Gesundheitswesen künftig verstärkt auf den Prüfstand kommen. Die Mittel brächten den Patienten oft nur wenig mehr Lebenszeit, hätten aber oft starke Nebenwirkungen und seien extrem teuer.

Das sagte der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, Josef Hecken – die Pharmabranche warf Hecken daraufhin Zynismus vor.

Vergangenes Jahr stiegen die Kosten der Kassen im Arzneibereich um mehr als 3 Prozent auf 38,5 Milliarden Euro. Im Bundesausschuss entscheiden Spitzenvertreter der Krankenkassen, Ärzte und Kliniken über die medizinische Versorgung in Deutschland. Anhand von Studien bewertet das Gremium seit 2011, inwiefern neue Arzneimittel mehr nutzen als ältere. In seiner letzten Sitzung des Jahres an diesem Donnerstag fallen die nächsten Beschlüsse zu einzelnen Mittel. Anhand der Bewertung handeln Kassen und Hersteller die Preise aus.

"Lediglich drei bis sechs Monate längeres Leben"

"Nach wie vor werden Onkologika überdurchschnittlich gut bewertet", sagte Hecken. Nur jedem fünften der 88 insgesamt bewerteten Krebsmittel sei kein Zusatznutzen beschieden worden. "Aber: Die meisten dieser Therapien bringen den Patienten lediglich ein längeres Leben von im Schnitt drei bis sechs Monaten", so Hecken. "Nur sehr wenige ermöglichen den Patienten eine bessere Lebensqualität." Viele Mittel kombinierten Chemotherapien - Nebenwirkungen stiegen stark.
Der Pharmaverband vfa kritisierte Hecken scharf. Seine Aussage sei zynisch, sagte Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. "Sie gehen an der Lebenswirklichkeit und dem Schicksal von Krebspatienten vorbei. Die Frage, welchen Wert das Überleben hat, ist eine höchstpersönliche Entscheidung und nicht die eines Verwaltungsgremiums."

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz betonte, nur die Betroffenen könnten beurteilen, ob sie mehr Lebenszeit trotz Nebenwirkungen wollten. "Das kann für den einen sein, die Silberhochzeit zu erleben, für den anderen, die Geburt seines Kindes. Schließlich entscheidet ein gesunder Mensch über Lebensqualität ganz anders als ein Schwerstkranker", sagte Vorstand Eugen Brysch. Dabei komme es auf bestmögliche Aufklärung durch den Arzt an, der nicht von Versprechungen der Pharmaindustrie getrieben werde dürfe.
100.000 Euro pro Jahr und Patient

Immer öfter kommen laut Hecken biologische Arzneimittel zum Einsatz, die gezielt am Tumor ansetzen, aber extrem teuer seien. Pro Jahr und Patient lägen die Kosten zu Beginn im Schnitt bei 100.000 Euro - "mit steigender Tendenz". Noch größer seien Kostensteigerung bei Kombinationstherapien. So seien die Arzneikosten bei Hautkrebs mit Metastasen auf rund 200.000 Euro pro Patient und Jahr gestiegen.

Auch der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen forderte die Politik auf, Lücken bei der Bewertung des Mehrwerts der Mittel zu schließen. Vizechef Johann-Magnus von Stackelberg kritisierte: "Insbesondere Arzneimittel gegen Krebs werden immer öfter ohne finale klinische Prüfungen zugelassen." Hersteller lieferten auch später oft keine aussagekräftige Daten zum Nutzen-Risiko-Verhältnis nach.
Lebensqualität wichtiger als Überleben?

Hecken dringt auf mehrere Änderungen: "In Zukunft müssen neue Wirkstoffe schlechter bewertet werden, wenn keine Angaben zur Lebensqualität vorliegen." Preisverhandlungen sollten zudem für ähnliche Medikamente gegen eine Erkrankung ermöglicht werden - statt nur für einzelne Mittel. Sonst solle es pauschale Abschläge geben.

Gerade bei biologischen Arzneimitteln forderte Hecken aber "bessere Einspareffekte". Für diese mit Gentechnik in lebenden Zellen hergestellten Biologika gibt es oft günstigere Nachfolge-Präparate, sogenannte Biosimilars. Ihr Preisabstand zum Original betrage heute höchstens 20 Prozent. Er solle auf bis zu 40 Prozent wachsen. Ärzte blieben zudem zu oft lieber beim teuren Original, obwohl ein Biosimilar ebenso wirke. Die Arzneimittelkommission der Ärzte hatte dies kürzlich mit "Desinformation auf Fachkongressen" begründet.
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zuletzt bearbeitet 20.12.2017 08:44 | nach oben springen


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